Autorin: Kathrin Behrens, 16.12.2019

Die Kernthese zu Anfang: Ein echtes Kunstwerk bringt Seele in einen Raum. Es überwindet Leere, lässt Räume leben, verleiht ihnen Tiefe und den stillen Hauch des Besonderen.

Heute wird viel gebaut, „Bauhaus“ meist. Auch wenn Walter Gropius sich posthum krümmen würde, so hat sich dieser Begriff im Hausbaumarkt durchgesetzt. Er steht für geradlinige Formen, gepflegte Kälte und moderne Sachlichkeit. Es gibt dürftige, aber auch viele gelungene Beispiele. Gemein ist allen Bauobjekten, dass sich die gewählte Kargheit in den Innenräumen fortsetzt. Es gibt unterschiedliche Strategien hiermit umzugehen: Die einen erklären die Reduktion zum Konzept und inszenieren gezielt Betonwände, Treppen und Fensterflächen zum Stilelement. Die anderen arbeiten mit üppigen Teppichen, Gardinen und Sofalandschaften, um sich die Behaglichkeit wiederzuholen, die ihnen durch die gewählte Bauart abhandengekommen ist.

Wir brauchen Rückzugsorte
Vielen Menschen hierzulande sind Heim und Lebensgefühl in den letzten Jahrzehnten wichtiger geworden. Das hat seinen Grund: Je bedrohlicher wir die Welt empfinden, desto mehr besinnen wir uns auf unsere vier Wände, „Cocooning“ nennt man das, seitdem Faith Popcorn den Begriff in den 80er Jahren populär machte. Möbel, Textilien, Teppiche und viele kleine Utensilien dienen dazu, unserem Leben die Behaglichkeit zu verleihen, die der Welt zu fehlen scheint. Während Designklassiker wie der Charles Eames Loungechair, die Wegner Chairs, USM-Haller-Regale oder die Leder-Sessel von Mies van der Rohe Hochkonjunktur feiern, bleibt eines für unser Zuhause noch selten entdeckt: Echte Kunst. Eigentlich kurios, denn es braucht sehr viele Möbel um das zu schaffen, was ein einziges Bild im Raum vermag, das unsere Blicke magnetisch auf sich zieht.

Art for Life
Dass Kunst im Lebensraum rar ist, hat viele Gründe. Zu teuer? Ja, Unikate haben auch dann ihren Preis, wenn sie im Segment „affordable Art“ angeboten werden. Angesichts der sonst florierenden Interieur-Sparten kann das jedoch nicht der entscheidende Grund sein. Was dann? Wie wir in den letzten Monaten feststellten, ist vielen zunächst gar nicht bewusst, wo sie Kunst kaufen sollen. So fragte uns beispielsweise noch vor unserer Galeriegründung ein Arzt im Praxisumbau: „Wo kann ich in Berlin Bilder für mein Wartezimmer zu finden?“ In eine klassische Galerie. Das wäre die logische Antwort, zumal es davon in Berlin reichlich gibt. Mit einer typischen Galerie jedoch assoziieren viele Kunsthandel, Messen, Sammler – weniger aber das Bild für ihren Flur. 

Was braucht es dann, um Menschen Kunst für ihren Lebensraum näher zu bringen? Zunächst einmal müssen Schwellenängste beim Kauf überwunden werden. Jeder von uns stöbert am liebsten in einer angenehmen Umgebung. Wir brauchen zudem etwas Auswahl und ein offenes Ohr für unsere Anliegen. Ein wenig Beratung hilft dort, wo Zweifel aufkommen und eine mögliche Probehängung, um diese für immer auszuräumen. Vielleicht müssen die Menschen erst entdecken, welche Wirkung Bilder im Raum entfalten können? Es gibt viel, was getan werden kann. In jedem Fall muss zuerst am Bewusstsein geschraubt werden: Echte Kunst ist nicht nur etwas, das temporär eine Wand schmückt, wie ein beliebig buntes Poster. Echte Kunst atmet genau das aus, was ein Künstler ihm mitgegeben hat. Und das ist vielfältig, spannend, erlebbar. Lassen wir es wirken.

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